Geschichten von unterwegs

Gelegentlich mündet das Erlebte und Fotografierte auch in veröffentlichten Texten – so meine Beobachtungen von der diesjährigen Neuseelandreise,  (der Artikel erscheint in der Dezember-Ausgabe von 360 Grad.  Vorab schon einmal hier:

Geschichten von unterwegs

„Have you suffered trolley shock lateley?“ Beobachtungen von der letzten Neuseelandreise

Neuseeland, gesegnet mit überwältigenden Naturerlebnissen, ist der ultimative Reisetraum vieler Menschen und eines der erklärten Wunschziele vieler Immigranten. Auch mich zieht dieses Land immer wieder an. In den letzten 13 Jahren habe ich das Glück gehabt, Neuseeland gleich mehrfach bereisen zu können. Was die Finanzplanung anbelangte, waren meine Erfahrungen dabei lange Zeit recht identisch. Wenn die Kosten für den Flug erst einmal gestemmt waren, konnte man in Land selber – vorausgesetzt, nicht bei jedem Bungee Jump, Wild Water Rafting oder Jet Boat –Ritt dabei sein zu wollen – mit einem überschaubaren Reisebudget auskommen. Vor allem die Kosten für Unterkunft, Fortbewegung und Verpflegung lagen zumeist deutlich unter den vergleichbaren Lebenshaltungskosten in Deutschland.
Dass es diesmal doch etwas anders werden könnte, hatte sich im Vorfeld schon abgezeichnet. Den enorm starken Kiwidollarkurs im Vergleich zum Euro hatte ich bereits 2011 zu spüren bekommen. Im Vergleich zu den Vorgängerreisen zwischen 2000 bis 2009 war der Euro-Kurs damals schon von 1 € = 2,10 NZ $ auf 1 € = 1,80 NZ $ gefallen. Doch zum Start der diesjährigen Reise Anfang März 2013 standen sogar 1€ = 1,55 NZ $ in den Wechsel-Charts.
Solchermaßen eingestimmt, kam der erste Besuch des New World in Auckland dann aber trotzdem einem kleinen Kulturschock gleich (und ansonsten im teuren München lebend, bin ich wahrlich einiges gewöhnt). Der Einkaufskorb war eigentlich nur mit einer Basisausstattung für das Frühstück bzw. Abendessen und ein wenig Obst und Keksen für unterwegs befüllt worden (die ‚Begrüßungsflasche’ St. Clair Chardonnay aus dem eindeutig gehobenen Segment soll allerdings auch nicht verschwiegen werden…), aber als dann 80 NZ$ als Zahlbetrag an der Kasse aufgerufen wurden, machte sich doch eine leichte Bestürzung breit.
Der Eindruck, dass die Lebensmittelpreise erkennbar angezogen hatten, setzte sich auch in den nächsten Tagen fort. Hatte ich bislang für einen kleinen Mittagsnack (meistens ein herzhafter Toast, und danach ein Stückchen Kuchen und ein ordentlicher Long Black, der einen für den Rest des Tages senkrecht stellte), in der Regel immer um die 10 NZ $ bezahlt, musste für das gleiche ‚Gebinde’ nun 13-15 NZ $ erlegt werden.
Ein 200 g-Stückchen neuseeländischen Käses war beispielsweise in keinem Supermarkt unter 8-9 NZ $ im Regal zu finden, oder der Braeburn-Apfel –in Deutschland in der Regel für 1,99 €/kg im Angebot – wurde nahezu überall für 4,00 NZ$ angeboten, also umgerechnet für ca. 2,70 € und damit teuer als unser deutscher Import-Preis??
Neugierig geworden, stellte ich fest, dass dieses Thema auch die Neuseeländer selbst derzeit umtreibt. Die Märzausgabe des Monatsmagazins North and South hatte die ungünstige Preisentwicklung in Neuseeland gerade als Aufmacher gewählt und titelte sogar mit „The Great NZ Rip-off“ („Die große Abzocke“).
Anhand internationaler Vergleichsübersichten von Lebenshaltungskosten und eines ‚Musterwarenkorbes’ gefüllt mit Beispielprodukten wie Käse, Milch, Fleisch, Fisch und Wein, aber auch Büchern, Schuhen Elektronikgeräten, Autos, Strom- und Telefonkosten, kamen dabei einige ernüchternde Informationen zu Tage. Zwei Beispiele: Die aktuelle Rod Stewart-Biographie kostet bei Whitcoulls 29.99 NZ $, wird aber bei Amazon.co.uk für umgerechnet 11,19 NZ $ angeboten Für ein paar Timberland Chukka Boots müssen in Neuseeland 229 NZ $ bezahlt werden, über Amazon.com sind sie für umgerechnet 106 NZ $ zu bekommen Zum Teil ähnlich gravierend waren die Preisunterschiede bei den anderen genannten Konsumgütern; nicht selten scheint es für den neuseeländischen Endverbraucher günstiger zu sein, selbst zu ‚importieren’, also online zu bestellen und dann sogar mit Zoll und ggf. Frachtkosten weniger zu bezahlen als in einem neuseeländischen Ladengeschäft.
Viele Neuseeländer können nicht nachvollziehen, warum der seit Jahren enorm starke NZ-Dollarkurs nicht endlich zu sinkenden Preisen von Importgütern führt. Noch weniger aber können sie verstehen, warum im Land selbst produzierte Güter – und gerade auch Lebensmittel – kontinuierlich teuer werden und dann zum Teil im Ausland günstiger angeboten werden können, als im Land selber. Laut OECD-Statistik sind die Preise in den letzten 10 Jahren fast nirgendwo so stark gestiegen wie in Neuseeland (42,5%) – nur Südkorea ist noch ‚besser’ mit 48,2 %. Erschwerend kommt hinzu, dass sich das neuseeländische Durchschnittseinkommen seit 1990 zwar verdoppelt hat, die Grundlöhne aber seitdem nur um 50% gestiegen sind. Mit anderen Worten: Während es der Kiwi Middle Class auch mit den gestiegenen Lebenshaltungskosten noch vergleichsweise gut geht (wobei auch diese sehr über die Entwicklung klagt), wird es für die Angehörigen der unteren Einkommensklassen erkennbar schwieriger, den Grundbedarf angemessen zu decken. Bereits jetzt werden North and South zufolge 59% aller Supermarktprodukte nur noch dann eingekauft, wenn sie gerade im Angebot sind.
Zum Teil erklärt sich der Preisanstieg natürlich aus der globalen Teuerungsrate, spezifischen neuseeländischen Besteuerungen oder der Tatsache, dass Neuseeland nun mal ‚am Ende der Welt’ liegt und es sich hier um einen kleinen Markt handelt, der nur mit größerem Kostenaufwand zu bedienen ist.
Zumindest der Lebensmittelmarkt – zu 90% von heimischen Produkten gespeist – dürfte von diesem letzten Punkt aber nur mittelbar betroffen sein. Hier schlägt laut North and South ein anderes Phänomen durch: Einen wirklichen Wettbewerb gibt es in der neuseeländischen Supermarktlandschaft nicht, denn der dortige Markt wird vom ‚Duopol’ der beiden Ketten Foodstuffs NZ (Pak’n Save, New World, Four Square) und Progressive Enterprises (Countdown) geprägt. Bemängelt wird intransparente bis willkürliche Preisgestaltung (mit Preisaufschlägen von teils mehreren 100%, die dann den eingangs zitierten ‚trolley shock’ bewirken). Zum Teil gilt die ‚Duopolsituation’ auch bei den Produkten selbst. Der gesamte neuseeländische Brotmarkt wird z.B. von gerade einmal zwei Anbietern bedient, die ihre Preise ebenfalls mehr bis minder nach Gutdünken festsetzen können.
Was laut Artikel fehlt: Ein „Consumer Watchdog with teeth“, der den kartellähnlichen Preisgestaltungen angemessen Paroli bietet. Die zuständigen Stellen – das Ministry for Consumer Affairs und vor allem die Commerce Commission – scheinen dies zumindest nicht ernsthaft zu tun.
Es gibt aber natürlich auch Erfreuliches zu berichten – zumindest für die Touristen. Die Preise für Mietwagen, für das sehr gut ausgebaute Busnetz und für die Hostels sind erfreulich stabil geblieben. Farmer-Markets und unabhängige Obst- und Gemüseläden sprießen allerorts aus dem Boden und bieten lokale Produkte zu deutliche günstigeren Preisen an. Hier mit Muße einkaufen zu gehen macht richtig Spaß und ist eine wunderbare Gelegenheit, mit den Produzenten persönlich ins Gespräch zu kommen und Land und Leute noch besser kennen zu lernen. Für Immigrationswillige und Einheimische bleibt die Frage aber spannend, wie die Reise weitergeht…

Interessant auch:
„Missing benefits of the high dollar“ von Oliver Hartwich/New Zealand Initiative (http://nzinitiative.org.nz/Media/Insights/x_post/missing-benefits-of-the-high-dollar-00136.html)